Zukunftsmarkt Gesundheitswesen

(14.07.2010)Das Gesundheitswesen wird heute als einer der wesentlichen Zukunftsmärkte gesehen. Die Diskussion über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen reist nicht ab. Der Mangel an qualifizierten Ärzten ist zu einem sehr aktuellen Thema in der deutschen Presse geworden. Wie sich eine Region wie die Euregio aufstellen muß, um an diesem Zukunftmarkt zu partizipieren, zeichnet der Vorsitzende des Gesundheitspolitischen Arbeitskreises Prof. Dr. med. Dietrich Gulba in einem Interview auf.

Prof. Dr. med. Dietrich Gulba praktiziert als Facharzt für Innere Medizin, Arzt für Intensivmedizin, Arzt für Kardiologie am Krankenhaus Düren. Er ist Chefarzt der Abt.Innere Medizin I


Das Gesundheitswesen wird heute als einer der wesentlichen Zukunftsmärkte gesehen. Wie muß sich eine Region wie die Euregio, in der Sie tätig sind, aufstellen um an diesem Zukunftmarkt zu partizipieren?

 

Prof. Gulba: Wenn man diese Frage ganz vordergründig beantworten will geht es hier zuvorderst um den medizinischen Fortschritt. In den letzten 50 Jahren hat der Wissenszuwachs in der Medizin pro 10 Jahre jeweils ungefähr 50% betragen. Dieser Wissenszuwachs hat eine enorme technische Entwicklung mit sich gebracht. Gleichzeitig hat sich in gleichem Maße die Erkenn- und Behandelbarkeit vieler Krankheiten ganz wesentlich verbessert. Der große Umfang des Wissens hat jedoch ein großes Maß an Spezialisierungen in der Medizin mit sich gebracht. Diese Entwicklung und damit eine weitere Expansion des medizinisch technischen Apparates wird voraussehbar auch in den nächsten Jahrzehnten weiter gehen. Die Euregio nimmt heute schon ganz entscheidend an dieser Entwicklung teil. International hoch anerkannte Institutionen wie beispielsweise das Forschungszentrum in Jülich treiben den medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritt. In diesem Umfeld haben sich viele junge Unternehmen angesiedelt, die den wissenschaftlichen Fortschritt in praktische Produkte übersetzen. Daneben hat sich in der Region eine hervorragende Krankenhausinftrastruktur entwickelt, die den Stand des Wissens in praktische Medizin umsetzt. In der Folge gibt es in der Region gibt kaum noch Patienten, die für Ihre Erkrankung nicht das entsprechende Angebot auf höchstem Niveau finden können.

Auf der anderen Seite sinken seit den 70iger Jahren die Geburtenraten während gleichzeitig die Menschen in Deutschland einer immer weiter steigenden Lebenserwartung erfreuen. Das führt ganz automatisch zu einer immer älteren Bevölkerungsstruktur. Da Menschen im Laufe ihres Lebens natürlich auch Krankheiten entwickeln steigt mit dem zunehmenden Durchschnittsalter der Bevölkerung ganz automatisch die Bedeutung des Gesundheitswesen einschließlich der gesundheitsassoziierten Berufe sowohl in der Qualität als auch in der Qunatität. Gleichzeitig steigt bei den jungen Mitbürgern das Bedürfnis an einem gesunden und präventiven Lebensstil der ihnen auch ein Altern in Gesundheit ermöglicht. Hier sind ausgezeichnete Chancen für die Präventionsmedizin und Rehabilitationsmedizin aber auch für Angebote die in der Nähe der „Wellness" angesiedelt sind.

Die Menschen einer Region werden in weiter zunehmendem Maße diese Angebote nachfragen. Neben den Standortfragen der Verkehrsinfrastruktur, der Naherholungsgebiete, der Schulen, des Freizeit- und Kulturangebotes werden die Menschen in Zukunft in zunehmendem Maße eine ausgezeichnete Gesundheitsinfrastruktur nachfragen. Die Ansiedelung hoch qualifizierter Arbeitsplätze und Arbeitsplätze in den Zukunftsindustrien wird daher in Zukunft in pivotaler Weise davon abhängen, dass eine Region den Menschen auch auf dem Gebiet der Gesundheit ein ausgezeichnetes Angebot machen kann. Damit wird ein hervorragendes „up to date" Gesundheitswesens einschließlich der gesundheitsassoziierten Berufe zu eine entscheidenden Faktor werden, der die Prosperität einer Region sichern hilft.

 

Die Diskussion über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen reist nicht ab. Schon heute müsssen einige Kassen Zusatzbeiträge erheben um die immens wachsenden Defizite ausgleichen zu können. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen die Expansion des Gesundheitsmarktes überhaupt finanzieren?

 

Prof. Gulba: Das Kostenproblem wird ganz vorrangig bei den Ausgaben für Krankenhäuser und für Medikamente gesehen. Seit der Einführung der DRGs (diagnose related groups) die eine einheitliche Bezahlung aller Leistungen im Krankenhauswesen zum Ziel hatten ist eine erhebliche Rationalisierung in den Krankenhäusern eingetreten. Dies hat zu einer erheblichen Belastung des ärztlichen und nichtärztlichen Krankenhauspersonals geführt, hier erscheinen die Rationalisierungsreserven schon weitgehend aufgebraucht. Auch im Medikamentenbereich liegt die Generikaquote (Nachahmerpräparate) mittlerweile bereits bei >80%. Hier müsste befürchtet werden, dass bei einer weiteren Zunahme der Generikaquote die Entwicklung neuer Präparate für die Firmen nicht mehr lohnen würde und damit die Medizin auf dem heutigen Stand stehen bleiben müsste.

Das Problem der Finanzierung der Gesundheitskosten in Deutschland sind in der Tat nicht zu übersehen. Es handelt sich dabei allerdings viel weniger als immer betont um ein Ausgabenproblem, immerhin haben die Ausgaben im Gesundheitswesen in den vergangenen zwei Jahrzehnten trotz erheblicher Zunahme der älteren Patienten lediglich in der Größenordnung der Inflationsrate zugenommen. Das Defizit entsteht vielmehr aus einem Einnahmeproblem der Kassen, das daraus entsteht, dass immer weniger gesunde Menschen, die in Arbeit stehen, die gesamte Solidargemeinschaft finanzieren müssen. Die Einnahmen der Krankenkassen müssen dauerhaft stabilisiert werden. Krankmachende Verhaltensweisen wie beispielsweise das Rauchen müssten mit Beiträgen belegt werden welche die Krankenkassen für die verursachten Gesundheitsschäden entschädigen. Auser den einkommen aus Erwerbsarbeit müssen auch andere Einkommen anteilig zur Krankenkassenfinanzierung beitragen. Außerdem müssten wir auf das Prinzip zurückgreifen, dass jeder Leistungsbezieher auch einen eigenen Beitrag zur Versicherung leisten müsste - im Falle von Sozialversicherungsempfängern oder Angehörigen von Geringverdienern müssten hier ggf. die Sozialversicherungen eintreten.

Die weniger werdenden aktiven Beitragszahler müssen immer größere Kosten schultern. Dies kann so nicht grenzenlos weiter gehen. Ein Ausweg wäre die Krankenkassen um Leistungspflichten zu entlassten, die nicht unmittelbar mit der Gesundheitserhaltung in Verbindung stehen, Leistungen die in ihrer Wirksamkeit zweifelhaft sind und um die Leistungen die mehr einer Befindlichkeitsstörung als einer echten Erkrankung entsprechen. In der Tat gibt es hier ein großes Leistungsvolumen dass ohne Einschränkungen in der Behandlungsqualität entfallen und damit die Krankenkassen entlasten könnte. Dies bedingt dann natürlich auch, dass solche Leistungen sofern sie dann trotzdem vom Einzelnen gewünscht und nachgefragt werden auch vom Einzelnen selbst übernommen werden müssen.

Über konzertierte Versorgungskonzepte bei denen hoch spezialisierte Behandlungsmöglichkeiten regional in Schwerpunkts-Netzwerke abgebildet werden könnten ließe sich weiteres Geld im Gesundheitswesen einsparen.

 

Der Mangel an qualifizierten Ärzten ist zu einem sehr aktuellen Thema in der deutschen Presse geworden. Hat der Ärztemangel auch bereits die Euregio erreicht?

 

Die Arbeitsbedingung des medizinischen Personals haben sich unter den zuvor angesprochenen notwendigen Rationalisierung im Gesundheitswesen nicht verbessert. Das Arbeitszeit Gesetz hat darüber hinaus zu einer enormen Verdichtung der Arbeitsprozesse geführt. Für die Arbeit an und mit den Patienten - das ist die gleichlautende Klage von Ärzten und Patienten - bleibt immer weniger Zeit. Häufige Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit sowie Arbeit in Wechselschichten machen die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte und Ärzte ebenfalls nicht attraktiver. Dazu kommt, dass die Computerarbeit zur Patientenverwaltung und Qualitätssicherung auch im medizinischen Dienst dramatisch zugenommen hat und Pflegekräfte und Ärzte von ihrer Arbeit zusätzlich entfremden. Hier bieten viele europäische Länder erheblich bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte. Auch andere Institutionen wie der Medizinische Dienst der Krankenhkassen, Verwaltung und Industrie haben einen zunehmenden Bedarf an ausgebildeten Ärzten. Es ist nicht verwunderlich, dass viele junge Kollegen sich am Anfang oder im Verlauf Ihrer Berufskarriere überlegen, ob Sie sich tatsächlich als praktisch tätige Ärzte in Deutschland betätigen wollen. Die stetig zunehmende Nachfrage nach Ärzten die der Markt nicht befriedigen kann spricht eine berede Sprache. Dies zeigt naturgemäß auch in unserer Region Wirkung. Hatten wir in der Vergangenheit viele Initiativbewerbungen müssen wir uns mittlerweile, trotz unseres ansonsten attraktiven Rahmens, wie die anderen Kliniken, aktiv um ärztliches Personal bemühen. Gott sei dank gelingt es uns derzeit noch alle freiwerdenden Stellen zeitnah mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Wir sind bemüht durch Gestaltung attraktiver Rahmenbedingungen ausreichenden ärztlichen Nachwuchs auch für die Zukunft zu sichern.

 

Herr Prof. Gulba, wir danken für das Gespräch.